In Beziehung zu unserer Umgebung
Ist unser Gehirn in unserem Schädel gefangen? Wir haben kognitive Funktionen längst ausgelagert. Wir haben das Gedächtnis auf analoge und vor allem digitale Speichermedien übertragen, Rechenoperationen an Maschinen delegiert und unser eigenes Denken zunehmend der KI überlassen. Wir haben unser kognitives System unterstützt und dabei verstanden, dass wir weder kognitiv noch emotional in uns selbst gefangen sind. Wir stehen in ständigem Dialog mit unserer Umwelt und bleiben davon nicht unbeeindruckt.
Ich sitze in meiner Bibliothek und wenn ich mir die Buchrücken anschaue, bin ich viel inspirierter als wenn ich versuche, mich durch zwanzig geöffnete Fenster auf einem Bildschirm zu navigieren. Unterschiedliche Umgebungen lassen mich anders denken und eröffnen mir neue Denkwege.
Ich erinnere mich an ein Treffen letzte Woche. Es bestand der Wunsch nach einem offenen, vielschichtigen und kreativen Austausch. Der Raum war eng, fensterlos, und die Notizen aus früheren Treffen standen auf den abwischbaren, aber selten abgewischten Tafeln an den Wänden. Es war anstrengend, sich gegen die Präsenz dieses Raumes zu wehren; er zwang einen dazu, in alten Denkmustern zu verharren und sich nicht vom Alltag zu lösen. Der Raum und das, was er auslösen kann, sind oft stärker als der individuelle Wunsch nach Veränderung.
Wie anders war doch die Begegnung in der Woche zuvor verlaufen, ein Führungstreffen in einem Museum. Das Thema der Ausstellung ist hier nicht so wichtig; was Wirkung zeigte, war die Umgebung – anders, ungewöhnlich. Sie schuf eine andere Stimmung, eine andere Haltung. Und die Sichtweisen auf die Themen verschoben sich, neue Dinge traten in den Horizont des Denkens.
Wo wir uns befinden, womit wir uns umgeben, ist nicht neutral. Wir stehen immer in Beziehung zu unserer Umgebung. Nicht neutral, sondern in einer aktiven Beziehung, in einem aktiven Austausch. Räume und Atmosphären sollten sorgfältig ausgewählt werden.
Autor: Rüdiger Müngersdorff
Erstveröffentlichung: 03. März 2026
