Wer führt? - Die Schattenseite des Bildes von »Chinese Speed«
Es war schon immer verwunderlich, den Krankheitsbegriff »Obsession« in einem Unternehmenskonzept als »Customer Obsession« wieder zu finden. Ein Aspekt dieses Konzepts ist auch in dem Bild von »Chinese Speed« zu finden: Der Kunde führt und innere Führung verschwindet. Ein zweites gerade gebräuchliche Bild hat eine ähnliche Wirkung: Wir müssen »Outside – Inside« denken und nicht mehr »Inside – Outside«. Sicher ein wichtiges Lernfeld, vor allem für die stolzen deutschen Ingenieure, jedoch radikalisiert führt es auch zu einem Verschwinden der inneren Führung und einer vorwiegend reaktiven Organisation.
In den Unternehmen, die gerade in Deutschland als Vorbild für »Chinese Speed« gesehen werden und die hier zugleich als Selbstkasteiungsinstrument genutzt werden, haben Kundenprojekte die Führung übernommen. Hier handelt die innere Führung nurmehr als Verstärker der Druckführung durch die multiplen Kundenprojekte. Der eigenen Gestaltungsraum, der kreativ offene Raum der Entwicklung verschwindet und es gibt nurmehr Raum für Reaktion. Und so begegne ich Menschen, die tief erschöpft sind und den inneren Freiraum eigenen Denkens und Handelns verloren haben. Wie lange überlebt ein solches nurmehr reaktives System ohne innere Führung, ohne Leadership, wenn der Druck der multiplen Kundenprojekte kontinuierlich ansteigt und dabei zugleich Varianten ungebremst steigen?
Hinter der beklagten Langsamkeit deutscher Unternehmen liegt manchmal auch die freie Muße, etwas zu entwickeln und zu gestalten, das den Markt bestimmt, und so aus der Spirale der Druckbetankung durch äußere Spieler aussteigen zu können.
Ein Gedanke, der durch meinen Kopf geht, während ich vor einer Gruppe erschöpfter und verzweifelter chinesischer Führungskräfte sitze, die kaum für eine Moment aus der Außensteuerung aussteigen können. Dieses Lob der »Langsamkeit« bedeutet allerdings nicht, dass die Entscheidungsgeschwindigkeit in vielen deutschen Unternehmen tatsächlich zu langsam ist.
Autor: Rüdiger Müngersdorff
Erstveröffentlichung: 23. Juni 2026
