Ästhetische Erfahrungen eröffnen Räume

Es wird immer schwieriger. Der Druck ist zu groß; der innere Freiraum schrumpft. Und doch bin ich hier mit einer kleinen Gruppe chinesischer Führungskräfte im neu eröffneten h+Art Museum in Suzhou. Ein von Tadao Ando entworfenes Gebäude und eine Ausstellung, die an vielen Stellen die menschliche Einsamkeit und das Gefühl des Verlorenseins thematisiert. Nicht durch Worte, sondern durch ein ästhetisches visuelles Erlebnis.

Es dauert eine ganze Weile – in einem Raum mit Gemälden und Installationen von Yang Fudong beginnt das Erlebnis bei den ersten Teilnehmenden Wirkung zu zeigen –, bis sie in Resonanz ihr eigenes Gefühl des Verlusts spüren, sich ihrer selbst bewusst werden und vorsichtig einen inneren Raum öffnen, den sie unter dem Druck unaufhörlicher Geschäftigkeit verschlossen hatten.

Im Verlauf der Ausstellung wird immer wieder eine spirituelle Dimension im Zusammenhang mit der Natur heraufbeschworen. Die Teilnehmenden setzen sich damit auseinander und suchen nach ihrem eigenen Sinn. Sie atmen tiefer. Sie verspüren ein Gefühl der Leere und Sehnsucht, während sie sich in der lichtdurchfluteten, großzügigen Architektur mit den Kunstwerken auseinandersetzen. In ihren Gesprächen öffnen sie sich einander. Ein gemeinsames ästhetisches Erlebnis, in dem sie inneren Freiraum und ein wenig mehr Freiheit in ihren Gefühlen und Gedanken gewinnen.

Es ändert zwar nichts an dem System des unaufhörlichen Drucks in ihrem Arbeitsalltag, bietet ihnen aber zumindest für diesen Moment die Freiheit, ihre eigene Realität mit einem Gefühl der Erleichterung zu betrachten. Spätestens wenn sie erneut Anselm Kiefers »Dat rosa melts …« betrachten, erleben sie die Zwänge und den Verlust des Selbst in ihrer eigenen gelebten Realität. Ästhetische Erfahrungen eröffnen Räume für Gedanken und Gefühle und haben Konsequenzen.

Autor: Rüdiger Müngersdorff
Erstveröffentlichung: 17. Juli 2026

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