Verantwortung – Eine Erinnerung an eine noch nicht erledigte Aufgabe

Ein Text aus dem Dezember 2008 – Gerade leben wir in einer Boomphase der Wirtschaft, gestiegene Gewinne, Anlegerglück und zugleich befürchten wir – folgt man den Stimmungen der Medien – Krisen, Abstürze. Die großen Themen: Digitalisierung, IoT, Agilität verdecken das Krisengefühl und zeichnen Chancen, sprechen von neuen lukrativen Märkten und Geschäftsmodellen. Das alles überdeckt die Aufgabe, die Unternehmen immer noch und immer wieder haben, sich in den Gesellschaften zu verorten und zu verstehen, was denn eigentlich ihre Aufgabe in unserer politisch, gesellschaftlichen Konfiguration ist. Eine Erinnerung an eine noch nicht erledigte Aufgabe.


 

Fanzel, 19. Dezember 2008:

Krise: Wendung und Chance

Im Augenblick überwiegt die Sorge und Furcht in den Gesprächen über die Wirtschaftskrise, über die neue große Rezession. Als sie noch eine Finanzkrise war, das ist gerade mal zwei Monate her, standen Fragen nach der Verantwortlichkeit im Vordergrund. Man war sich schnell einig: die Gier der Manager, ihr bindungsloses Profitstreben, ihr Denken in kurzen Takten und ihr Streben nach einem schnellen, hohen Gewinn sind die Auslöser der Krise. Spekulanten und gierige Vorstände haben uns das angetan. Diese schnelle Zuschreibung zeigte Wirkung in der Gruppe der Führungskräfte – auch wenn sie oft nicht über sich selbst als Person sprachen, so begannen sie dennoch darüber zu sprechen, was es denn unter ethischen Kriterien heute heißt, ein Manager zu sein. Dieser Diskurs ist derzeit in den Hintergrund gedrängt, der Krisendruck entlastet und ethische Fragen verlieren ihre Dringlichkeit.

Das wird nicht lange so bleiben. Schon jetzt spricht der Mittelstand über das Verhalten der Banken, die, selbst von Staatshilfen geschützt, die kleinen Firmen kalt in den Ruin gehen lassen. Und schon werden die Gespräche mit Führungskräften in Werken dunkler – sie stehen jetzt schon in einer Position der Rechtfertigung – sie müssen die Konsequenzen ausführen: Menschen entlassen, Bezüge kürzen, durch lange Arbeit verdiente Positionen und Arbeitsinhalte wegnehmen. Und ihnen hilft die Krisenrhetorik der Medien nicht mehr, sie müssen begründen, warum sie es tun und sie müssen sich fragen lassen, ob und warum es sie denn nicht trifft. Oft noch unausgesprochen eine dahinterliegende Botschaft: uns trifft es und dich, der du das mit verschuldet hast, dich trifft es nicht. Die Frage nach der Legitimität von Führung in einer Marktwirtschaft wird sich zurückmelden und sie wird Unternehmen zwingen, sich in ihrer Identität auch ethisch zu begründen. Noch überlässt man derzeit der Politik die gestalterische Rolle – wenn aber die Marktwirtschaft als freier Bereich der Gesellschaft überleben soll, dann müssen die Unternehmen als Handelnde in diesem System sich aus sich selbst legitimieren.

Es sind die Gier und der Eigennutz als das große Fehlverhalten identifiziert worden. Es wird konzentriert den Spekulanten, dann den Vorständen und schließlich der Managementgruppe als Ganzes zugeschrieben. Dahinter steht jedoch das Wissen, dass viele, sehr viele über ihre Verhältnisse gelebt haben. Die Kreditvergabekriterien an so viele Hauskäufer mögen fahrlässig gewesen sein, aber es waren die vielen, die auf Kredit gelebt haben – beim Kauf der Häuser, beim Konsum über die Kreditkartenschulden. Und damit stehen wir nicht nur vor der Frage nach dem Ethos der Manager, sondern nach einem der Grundprinzipien unserer Wirtschaftsordnung, dem Prinzip, dass egoistischer Eigennutz, dass das »gierige« Streben nach mehr im Endeffekt schließlich allen nutzt.

Adam Smith’s unsichtbare Hand, die den Markt zum besten aller reguliert und sich dabei des Eigennutzes, der Gier als Quelle der Kraft, der Motivation bedient, ist eine der Grundfesten unserer Wirtschaftsordnung. Und sofern das Wissen um die Fähigkeiten der Marktwirtschaft nicht verloren geht, wird dieses Prinzip auch ein leitendes bleiben. Differenzierter beginnt man nun, den Neoliberalismus, die Beratergruppen um den republikanischen Präsidenten der USA herum, für das Entgleisen der Marktwirtschaft verantwortlich zu machen. Mit dieser Argumentation wird zugleich das Thema des Verhältnisses von Freiheit und Sicherheit angesprochen – wir erleben, wie das Pendel in Richtung Sicherheit schlägt und damit in eine Stärkung der Rolle der Staaten. (Diese erleben allerdings gerade, wie wenig nationalstaatliches Handeln geeignet ist, sinnvoll und effektvoll in dieser Situation zu handeln.)

Wenn wir bei der Überzeugung bleiben, daß eine »freie« Marktwirtschaft am ehesten geeignet ist, die Bedürfnisse der Menschen nach einem »guten« Leben zu erfüllen, dann müssen wir uns fragen, welche Regulative zu ihr hinzutreten müssen, damit sie ihren Zweck zuverlässig und langfristig zu erfüllen vermag.

In Deutschland wurde mit der »sozialen Marktwirtschaft« eine regulierte Marktwirtschaft geschaffen. Ihr zur Seite trat im rheinischen Kapitalismus ein Korporationismus, in dem Verbände, Arbeitervertretungen, Unternehmen und Politik zusammenarbeiteten. Dies geschah am auffälligsten in der konzertierten Aktion der ersten großen Koalition. Folgt man dieser Richtung, dann bleibt die Politik in der Pflicht, die Regulative zu formulieren und durchzusetzen. Reicht das? Heißt das nicht, dass wir uns damit abfinden, in unserem wirtschaftlichen Handeln innerhalb von Wirtschaftsorganisationen im Hang zu verantwortungslosem Eigennutz nur durch äußere Zwänge gebremst werden zu können?

Die Geschichte von Unternehmen gibt uns hier andere Erfahrungen. Zum Eigennutz trat oft eine Position der sozialen Verantwortung hinzu. Sie bezog sich auf die eigenen Mitarbeiter, auf die Region, in der man tätig war und je nach Größe auf eine gesellschaftliche Rolle. Neben dem Streben nach Profit, das oft ein Streben nach Erhaltung des eigenen Unternehmens ist, trat immer wieder die Rückbindung an die Gemeinschaft aus der und in der man handelte. Erst dem Neoliberalismus schreibt man zu, diese Rückbindung vernachlässigt zu haben. Sie war nicht konstitutionell im Unternehmertum verankert, sie war das altruistische Hobby reicher Bürger. Der Privatmensch kümmert sich um die Bedürftigen, um die Kultur, nicht das Unternehmen. Gab das Unternehmen Geld aus, dann musste sich das Sponsoring und die im Zusammenhang mit sozialer Verantwortung geldausgebenden Stellen auch immer wieder fragen lassen, was denn der »Benefit« sei und der sollte sich dann auch stets an Kriterien messen lassen, die auf die Finanzzwecke des Unternehmens bezogen waren. Die privaten Menschen waren zurückgebunden an ihre ethischen Konzepte, nicht das Unternehmen.

Als Marktwirtschaft und Unternehmertum noch an religiöse Kriterien gebunden war, wie zum Beispiel im Protestantismus, war die Bindung an eine Verantwortlichkeit gegenüber einer Instanz gegeben. Die christlichen Werte durchzogen viele Einzelsysteme der Gesellschaft, so auch die Unternehmen. Der englische Utilitarismus lotete die Bedingungen der freien Marktwirtschaft aus, konnte den in der Praxis wirksamen Zusammenhang von religiöser Rechtfertigung und unternehmerischen Handeln aber nicht lösen.

Wenn wir uns heute die Frage nach einer Rückbindung stellen, wohin sollen wir da blicken? In die Religionen? Die Wissenschaft? Die Politik?

Gegenüber den Verfechtern der Marktwirtschaft gab es schon früh Kritik. England musste nicht auf Marx und Engels warten, John Ruskin hat die Folgen der Marktwirtschaft, der Ideologie der goddes of getting on schon früh bitter und deutlich aufgezeigt. Mit Rousseau verbindet sich eine bis heute wirksame Gegenbewegung, die sich immer wieder des Rufs »Zurück zur Natur« bedient und ein nicht nach Wohlstand und Besitz strebendes Leben als Weg aus dem »immer weiter und immer mehr« der Marktwirtschaft anbietet. In den Diskussionen um Nachhaltigkeit mit ihrer impliziten Verzichtsrhetorik scheint Rousseaus Denken über den Naturzustand wieder auf, allerdings in einer in die Marktwirtschaft integrierten Form. Mit dem Anstieg der Weltbevölkerung, der Globalisierung und der Unverzichtbarkeit von Technik ist und bleibt die Marktwirtschaft der Garant für die Aussicht auf lebenswerte Verhältnisse für alle Menschen.

Umso mehr müssen wir uns die Frage stellen, ob wir Unternehmen, Unternehmer und Manager als durch die Politik gebändigte egoistische Kräfte sehen oder ob wir Unternehmen innerhalb des Rahmenwerks einer sozialen Marktwirtschaft als ethisch handelnde Subjekte begreifen können. Wenn wir die Notwendigkeit sehen, dass sich Unternehmen ethisch rechtfertigen müssen, dann müssen wir allerdings auch beantworten, woher wir die Kriterien dieser Verantwortung nehmen wollen? Und damit sind wir wieder bei der Frage: Aus der Religion, den Wissenschaften, der Politik?

Es wird wenig Sinn machen, auf ein bestehendes Normengerüst zu setzen. Transnationalität der Unternehmen macht sie zu Bürgern einer vielfältigen Wertelandschaft und in bezug auf den Selbsterhalt haben sie hier eine integrative Pflicht. Blickt man sich um, dann kann man sich an den Überlegungen der Stiftung für Weltethos orientieren. Sie lassen sich jedoch nicht einfach verordnen – Unternehmen werden die Aufgabe haben, aus ihrem eigenen Diskurs heraus die Normen zu bilden, die sie an eine Verantwortung für die Gesellschaft und die Lebensgrundlagen rückbinden. Die Überlegungen der Diskursethik (Habermas et. alt.) können uns hier orientieren. Die Überlegungen der Stiftung Weltethos können ein Ausgangspunkt sein, wie es auch die Werte der Unternehmen, in den Überlieferungen der Gründer verankert oder gesetzt Unternehmensleitwerte sein können. Sie aber werden erst real, wenn sie in den Diskursen der Unternehmen selbst eine Bedeutung haben, wenn sie in einen Bildungsprozess einmünden.

Blickt man auf einen Prozess der Gestaltung solcher Diskurse und ihren letztlichen Sinn einer Verantwortung in der Gesellschaft, dann kann so ein Diskurs nicht nur unternehmensintern geführt werden, sondern er sollte die »Gemeinschaft«, in der ein Unternehmen handelt, mit einbeziehen. Das Unternehmen muss sich in einem fundamentalen Dialog der Gesellschaft gegenüber öffnen. Zu den Partnern gehören die Kunden, Verbände, die Organisationen der Regionen, in der ein Unternehmen tätig ist, die Politik. Erst in einem so breit gefächerten Diskurs kann ein Unternehmen seine Verantwortung formulieren und damit aus sich selbst heraus seiner notwendigen Gier, seinem Streben nach Erfolg von Innen Grenzen setzen und so schließlich dem eigenen Management die Würde zurückgeben, die ihnen gerade in einem chaotischen öffentlichen Diskurs abgesprochen wird.

Rüdiger Müngersdorff

Verantwortung?

Es hat sich noch nicht sehr geändert. Wir Europäer entsenden Mitarbeiter z.B. nach Asien, um zu lehren und laden Mitarbeiter anderer Länder zu uns ein, um zu lernen. Einmal ganz davon abgesehen, dass diese spätkolonialen Spuren mancherlei Beziehungsprobleme verursachen, stellt sich mir die Frage, ob wir Europäer uns hier nicht eine zukunftswichtige Lernchance verbauen.

Eine Geschichte. Ich traf eine Führungskraft aus Indien, die für zwei Jahre nach Deutschland eingeladen worden ist. Ein energischer junger Mann, der viel bewegen will und der für sein Land und seine Landesgesellschaft lernen will. Er ist voller Bewunderung für die Ordnung, die er in Deutschland vorgefunden hat, er erlebt das Land als aufgeräumt, alles ist für ihn an seinem Platz, alles ist geregelt. Ihm macht nur Kummer, dass er nicht sehen kann, wo er etwas beitragen kann. Für ihn hat fast alles schon die Infrastruktur entschieden, die Abläufe sind da und er sieht seine Rolle nur im Ausführen. Er kann sich nicht als Manager erleben, weil in seiner Wahrnehmung alles schon »gemanaged« ist. Er bewundert es und zugleich spürt er ein Unbehagen, denn er erlebt auch die Erstarrung, die Initiativlosigkeit, die Unentschiedenheit dieser Dominanz der Infrastruktur.

Ich blicke während des Gespräches hinaus auf die Straßen, den geregelten Verkehr und vergleiche es mit meinen eigenen Erfahrungen in Indien. Es ist sehr anders. Mein indischer Gesprächspartner erzählt dann von einer Erfahrung, die er kürzlich gemacht hatte – in seinen Augen immer noch Fragezeichen. Er musste hier eine Fahrprüfung ablegen. Auf einer Vorfahrtsstraße bremste er vor der Einmündung einer Seitenstraße immer ab, versicherte sich, dass die anderen Verkehrsteilnehmer auch stehen blieben. Dasselbe tat er an Ampeln, die für ihn grün waren. Der Fahrprüfer kritisierte das, forderte ihn auf, zügig weiterzufahren. Er war verwirrt und versuchte zu verstehen, wie es sein kann, dass man sich darauf verlässt, dass ein anderer die Regeln einhält? Für ihn ist es notwendig, mit der Unberechenbarkeit des Anderen umzugehen und selbst für Sicherheit zu sorgen. Sich auf Regeln zu verlassen, hält er für unsicher, für gefährlich. Er selbst sieht sich in der Verantwortung.

Nun können wir uns in unserem geregelten Land meistens darauf verlassen, dass Andere die gleichen Regeln befolgen wie wir selbst und so macht es Sinn, in diesem Vertrauen zügig durchzufahren. Aber in Indien? Das wäre eine schlechte Idee. Hier sollte man im Rahmen des gleichen Regelwerkes dennoch auf ein der eigenen aktuellen Entscheidung gehorchendes Verhalten setzen. Also lieber mal abbremsen. Denn das Verhalten des Anderen ist spontan, folgt eigenen Regeln und muss in Bezug auf das eigene Verhalten »gemanaged« werden. Nicht die Infrastruktur bestimmt, sondern die eigene, vorausschauende Entscheidung.

Übersetzt heißt das dann wohl, den selbstverantworteten, die anderen Mitspieler einbeziehenden Umgang mit komplexen, ambivalenten und offenen Situationen befolgen. Das wäre wohl etwas, was wir lernen könnten, wenn wir z.B. nach Indien eingeladen würden. Denn was immer global agierende Unternehmen derzeit erfahren, es ist Beschleunigung, Unsicherheit, Vulnerabilität, Komplexität und Ambiguität. Und in diesen Situationen hat sich Bürokratie, die mit Regeln dieser agilen, oft chaotisch anmutenden Situation Herr werden will, als machtlos erwiesen. Sie ist zu viel zu langsam und unflexibel.

So wäre es wohl für unsere eigene Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit klug, auszuziehen, um zu lernen.

Rüdiger Müngersdorff