Paränese? Wie bitte?

In unseren Coachings tritt etwas Neues in den Vordergrund. Es ist wie ein Einbruch in die Personenstabilität der Menschen. Angst, Furcht und Sorge dominieren, dazu gesellen sich Ohnmachtsgefühle oder ziellose Aktivität. Die mögliche andere Reaktion auf die derzeitige Situation ist eine radikale Verleugnung. Menschen mit dieser Bewältigungsstrategie hören und sehen wir in unseren Coachings nicht. Sie werden wohl später kommen.

Wir begegnen reflektierten Menschen mit einer guten und manchmal beeindruckenden Bildungsgeschichte, die sich derzeit nur zögerlich den eigenen Gefühlen von Furcht, Sorge und Hilflosigkeit stellen können. Sie spüren jedoch, dass sie etwas benötigen, was sie für sich selbst allein nicht tun können. Manche beginnen zu grübeln, andere geben eher irrationalen Verdächtigungen, Unterstellungen bis hin zu Verschwörungstheorien Raum.

Allen ist gemeinsam, dass sie in einer Situation sind, in der die äußere Struktur schwach wird und sie sich schwertun zu einer flexiblen Anpassung an eine sich ändernde partiell bedrohliche Situation zu finden. Viele wollen eine Ursache, die sich abstellen lässt, zur Not auch eine starke Autorität, die das Rettende tut. Der Weg zu einer Gelassenheit, die sich den wechselnden Bedingungen flexibel (agil) anzupassen weiß, ist noch selten.

Für uns als Coaches kommt hier zum Tragen, was in der antiken Philosophie und später in den christlichen Lehren Paränese genannt wurde: Der ermutigende, der mahnende und tröstende Zuspruch. Und das ist derzeit unsere Aufgabe – Menschen helfen, zu ihrer eigenen Gelassenheit zu finden, ihnen für eine Zeit die Stabilität zu geben, die sie benötigen, um ihre eigene wieder zu finden. Es ist eine schöne Aufgabe und eine die sich sehr gut auch digital gestalten lässt.

Rüdiger Müngersdorff
Foto: Pratik Gupta by unsplash.com

Kulturarbeit in Organisationen ist Arbeit am kollektiven Mindset

Radikale Kollaboration, Transformation, neues Denken, Digitalisierung – kaum ein Thema, welches nicht durch Mindsetarbeit bewegt und unterstützt werden soll. Auffällig dabei, es geht immer um die Mindsetarbeit des einzelnen Mitarbeiters. Aber kann man durch die Summierung der Veränderung individueller Mindsets wirklich eine Organisationskultur bewegen?

Die sich derzeit durchsetzende Arbeit am Mindset konzentriert sich vor allem auf individuelle Muster der Wahrnehmung, Bewertung und Beurteilung von Situationen. Mit vielfältigen Methoden werden Individuen die Möglichkeit gegeben, eigene Prädispositionen in der Begegnung mit der Welt zu erkennen und zu verstehen, wo diese Vorannahmen hilfreich sind und auch wo sie das Feld möglicher Antworten auf die Herausforderungen der Welt einschränken. Dieses Vorgehen hat sich in Coachingsettings als sehr hilfreich erwiesen. Und so ist die Arbeit an einem individuellen Mindset auch ein Baustein in der Arbeit von MyndLeap. MyndLeap geht aber darüber hinaus.

Der Begriff Mindset ist in der Mentalitätsforschung verankert. Hier wurde verstanden, wie sich die Einstellungen, Wahrnehmungen und Wertungen sozialer Schichten in Bezug auf Situationen und Ereignisse unterscheiden, was gravierende Auswirkungen auf die jeweilige Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen hat. Auch hierdurch wird die Durchlässigkeit der gesellschaftlichen Schichten vermindert (ein Aspekt, den SYNNECTA in den eigenen Diversitätsansätzen verankert hat). Dieser Arbeitsansatz wurde dann auch auf das Verständnis unterschiedlicher Lebensräume und Nationen ausgedehnt und ist bis heute Grundlage der Modelle interkultureller Zusammenarbeit.

MyndLeap ist sich dieser Verankerung der Mindsetarbeit in primär kollektiv gedachten Prädispositionen bewusst und hat sich so auch auf Arbeitsformen konzentriert, die es möglich machen, kollektive Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster zu erkennen und Chancen zu deren Beeinflussung zu öffnen. MyndLeap kann so effektiv kollektive »Mindsets« wahrnehmen und Arbeitsformen zur Verfügung stellen, die es Kollektiven ermöglichen, den jeweiligen Nutzen und die Begrenzungen dieser kollektiven Prädispositionen zu erkennen. Und wie in jeder Kulturarbeit öffnet das Bewusstsein die Chance zur Veränderung und Entwicklung. MyndLeap stellt so der eher psychologisch orientierten Mindsetarbeit eine soziologisch fundierte Perspektive zur Seite und bietet damit die Chance zu einer effektiven Arbeit an der Kultur eines Kollektivs, einer Organisation.

(In der Organisationsentwicklung ist die von Didier Eribon und Annie Ernaux angestoßene Verschiebung von einer dominant psychologischen Perspektive hin zu einer soziologisch politischen Perspektive noch kaum angekommen. Dabei bietet diese Perspektive für die Anstrengungen einer transformativen Kulturarbeit und speziell einer wirksamen und effektiven Erhöhung der Diversität in Organisationen eine große Chance.)

www.myndleap.com

Rüdiger Müngersdorff
Foto: GoaShape by unsplash.com

SYNNECTA im Lexikon

Dass Sprache Wirklichkeit schafft, war eine meiner ersten Lernerfahrungen nach meiner Schulzeit, als ich in einer Ausbildung bei Rüdiger Müngersdorff war.

Dass Wirklichkeit auch (neue) Sprachlichkeiten hervorbringt, ist eine logische Schlussfolgerung daraus. Mit SYNNECTA liegt so eine besondere Sprachlichkeit vor.

Nach nun 20 Jahren hoch erfolgreicher Tätigkeit, zu der ich besonders den Geschäftsführern Dr. Rüdiger Müngersdorff und Dr. Jörg Müngersdorff, und allen bei SYNNECTA herzlich gratuliere, wäre es eigentlich Zeit für den Eintrag dieser etablierten Sprachlichkeit im Duden-Fremdwörterlexikon.

Als Vorschlag würde ich dazu gerne formulieren:

Synnecta, -ae, m./pl. -ae; (lat.); die (!) Erfahrungswelt im Kontext von Beratung, Bildung, Arbeit und Leben, Horizonterweiterung durch interdisziplinäre Zugänge und Diversity-Orientierung auf höchstem, menschlichen Niveau; Verb: synnecare (lat.), zusammenbringen.

Danke für die vielfältigen Angebote des Lernens und der vielen Perspektivenwechsel und Wissenszuwächse in den vergangenen Jahrzehnten!

Susanne Guski-Leinwand
Bad Honnef im Mai 2019

Irgendwann 1993

Eine persönliche Rückblende auf Erlebnisse mit der SYNNECTA

Irgendwann ‘93 oder ‘94 habe ich SYNNECTA anlässlich der ersten Ausschreibung eines Prozessberaterseminars kennengelernt. Ich meine, es war das erste überhaupt, denn Rüdiger schielte doch ab und zu in seine Aufschriebe, was ich später nicht mehr erlebt habe. Das Seminar war in Aalen. Der Sin Obelisk mit viel Hektik, Gerechne, Frust und Versagen. Sinn und Zweck des Sin Obelisk bleibt dem Systemischen überlassen, irgendwie war die Auflösung dann doch banal oder genial.

Warum habe ich dort teilgenommen? Bosch war sich schon darüber im Klaren, dass die CIP Leute in den Einheiten mehr als nur Metaplanmoderation brauchten, um effektiv arbeiten zu können. Das Feld war neu und eigentlich hatte ja niemand eine klare Vorstellung von CIP und Organisationsentwicklung. Trial and error, insbesondere in der Administration ließen sich die bewährten Methoden aus der Fertigung nicht so richtig anwenden.

Das Erste, was mir auffiel, war Rüdigers phänomenale Fähigkeit der freien Rede, das waren teilweise druckreife Vorlesungen. Auch später, diese Fähigkeit, komplexe Themen frei ausbreiten und durchdringen zu können. Gib ihm ein Stichwort und er legt mit profunder Didaktik los. In wieviel ungezählten Klausuren und retreats waren seine Einführungen massgebliche Tunesetter für die gesamte Veranstaltung.

Das Zweite, die Fähigkeit hinter dem Naheliegenden, die Alternativen sehen zu können. Wie oft hat er uns überrascht, auf unsere vordergründigen Schnellschüsse, neue, andere Gedanken, Hypothesen aufzuzeichnen, Alternativen zu entwickeln.

Drittens, der Mut zu konfrontieren, bis in die obersten Spitzen der Bosch-Hierarchie. Auch Gefahr zu laufen, rausgeschmissen zu werden.

Was mich am meisten überrascht hat, war die Prozessbegleiter-Ausbildung in Maria Laach: Unvergessene Programme, Themen, Lernerfahungen, wahrscheinlich die beste Ausbildung meiner Berufszeit überhaupt und das Aushalten von außerordentlich diversen Charakteren im Seminar mit Wertschätzung für jeden Einzelnen.

Die Werkstätten, erst im Pfälzer Bereich, später im Hunsrück, werde ich auch nicht vergessen. Die kreativen, teilweise ver- oder entrückten Ansätze mit Parsifal nächtens an der Burgmauer, Stillarbeit nach Mitternacht, Kälberstricke machen, im nächtlichen Wald eine Stunde rumstehen und lauschen. Sophia, was für ein Erlebnis jedes Mal. Dort habe ich auch Jörgs schauspielerischen Talente immer und immer wieder bewundert.

Ab 2005 hat mich SYNNECTA wieder neu überrascht. Als Begleitung der Organisationsentwicklung in AsiaPacific, Jahr für Jahr, und immer wieder irgendwie neu, ein bisschen anders, immer wieder dazugelernt und seitdem habe ich erlebt, wie Rüdiger die anderen Kulturen in sein Herz schließen konnte und sie ihn.

Ohne SYNNECTA, Rüdiger und Jörg hätte ich folgendes nie erlebt: Der Blick hinter die Kulissen der Allianz Arena, ein Treffen mit Dirigent Gergiev, Speckstein bearbeiten, Fussballschiedsrichter im Gespräch, geniale Gesangsübung am Abend, Haare färben, den eigenen Nachruf schreiben, walks am Suzhou Creek und Galeristen, abendliche Gespräche am Chaoprayariver, Marriottriverside, Besuch in den Ardennen. Karaoke mit Kengo und viel Sake in Zhuhai. Masken gestalten und durch selbige sprechen, modrige Betten und zugige Altbauhotels in Suzhou, Mandala legen mit vielen eigenen späteren Anwendungen. Geniale Theaterstücke, Photosafaris.

Und am Tag nach 9/11 die einfühlsame Begleitung aller Synnectianer, Bamberg mit dem halben Kostüminventar der Bamberger Oper. Ein Trauerredner, eine Sternwarte, die Verwandlung mittels einer Photographin …

Kreativ, einfallsreich, um die Ecke denken, klare Kante zeigen, und immer wieder bereit zu sein, etwas anzubieten, das zunächst nur auslöst: was soll denn das nun schon wieder?

Danke, SYNNECTA, Rüdiger und Jörg, dass ihr mir das hier nähergebracht habt:

Komplementäres Arbeiten, ja, aber auch Kopf gewaschen kriegen: Mach’s alleine!
Ohne Agenda anfangen. Was liegt an? Daraus ergeben sich die Themen und der Fahrplan.
Über sich selbst möglichst wenig reden und trotzdem dranzusein an den anderen.
Die geteilte Zuneigung zu unseren Asiaten.
Härte gegenüber Hierarchien und nicht einknicken.
Verlässliche Partnerschaft, immer.

SYNNECTA ist, mit einem Wort beschrieben: Authentisch!

Wolfgang Knöppel

mich wundert.

Mich wundert: Einerseits berichten die Krankenkassen über einen kontinuierlich starken Anstieg psychischer Erkrankungen bei Arbeitnehmer*innen, anderseits überschlagen sich in den sozialen Medien Erfolgsmeldungen über die neue, menschenorientierte Führung, über Augenhöhe zwischen den Hierarchien, über Freiheit, Selbstbestimmtheit, über Fortschritte in der Demokratisierung der Arbeitswelt, der gelingenden Inklusion und so viel Gutes mehr. Es liest sich, als habe sich der Arbeitsplatz zu einem Ort des offenen Diskurses, der Wertschätzung und des sinnerfüllten Lebens verwandelt.

Wie passt das zusammen?

Es passt nicht! Die Realität sieht sehr oft anders aus. Ich glaube, wir Berater*innen, HR’ler*innen sollten beginnen, verbal abzurüsten, sollten näher an der Realität bleiben, wo unsere Freude über die Erfolge und Fortschritte bei der Ermöglichung neuer Arbeitswelten hart auf das genaue Gegenteil stößt: wo weiterhin Furcht und Angepasstheit, Scham und »es recht machen wollen« sehr verbreitet sind. Ohne eine nötige verbale Abrüstung werden wir unsere Glaubwürdigkeit verlieren und uns zwar in unserer Blase feiern können, aber als Preis auch Wirksamkeit verlieren.

Rüdiger Müngersdorff
Foto: Sean Paul Kinnear, unsplash.com